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Eine Weihnachtsgeschichte. Erster Teil: No Future auf den Knien

Ich wußte, daß kein Hahn nach mir krähte. 57 Jahre, aus dem Straßenpunk der frühen 80er war ein Sesselfurzer geworden. Ob ich irgendwas tat oder nicht tat, ging den Leuten am Arsch vorbei. Das Rausschicken meines Newsletters konnte ich mir schenken, die landeten längst alle im Spam-Ordner. Und bei Facebook und Twitter lächelte man nur noch gelangweilt oder genervt über meine verzweifelten Versuche, irgendwelche Gedanken und Vorhaben groß hinauszuposaunen. Ich tat mir leid.

Da sich meine angebliche »Berühmtheit« mehr und mehr als Witz erwies, begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen. Alles lief darauf hinaus, daß ich den Rest meines Lebens allein in der Bude verbringen würde. Punk-Konzerte langweilten mich genauso wie ich die Leute, ich saß stattdessen von früh bis spät an der Kiste und programmierte für Morus & Morus belangloses Zeugs, mit dem hippe Firmen ihren Tand verkauften. Viel Kohle blieb dabei nicht für mich hängen. Die dicken Wagen fuhren andere.

Als Held von Gestern hatte ich wenig Gelegenheiten, wirklich interessante Dinge zu tun. Mir fiel schon längst nichts mehr ein. Aber ich hatte immerhin dieses Fotoarchiv im Internet, das an rauschende Punk-Tage erinnerte. Darauf konnte ich mir was einbilden, was ich immer genau dann tat, wenn ich weder auf Tiefkühlpizza im Eisfach oder Schokoloade und Chips in der Mini-Bar zurückgreifen konnte.

Leute kennenzulernen, mit denen was ging? Vorbei. Ich mußte etwas tun, damit das ganze nicht in einer Katastrophe endete. Weihnachten stand vor der Tür, und ich wußte, daß viele unter ihrem Helfersyndrom litten.

So versuchte ich es mit einem Facebook-Posting ganz anderer Art. Wollte ein bißchen witzig sein. Damit keiner merkte, wie sehr ich auf dem letzten Loch pfiff.

»Bin bereit, alles zu tun, wenn sich ein spendabler Mäzen findet, der PUNKFOTO und meine Arbeit dauerfinanziert. Ich wiederhole: ALLES!«

Das klang ironisch, aber ich meinte es ernst. Ich wollte den mies bezahlten Job schmeißen und Berufspunker werden, wie so viele andere. Die Leute mit wilden Punk-Parolen bescheißen und gleichzeitig meine Ruhe haben – Geld wäre dabei auf jeden Fall hilfreich gewesen! Trotzdem hätte ich mir besser einen runtergeholt, bevor ich diesen Mist in die Welt setzte. Aber hinterher ist man immer schlauer.

Bis auf ein paar Kommentare tat sich zunächst nichts. Tenor: »Ficken für Punkfoto. Hoho!«. Klar, so konnte man das auch sehen.

Ich vergaß das Posting und schrieb andere, die genauso wenig bewirkten. Ich erklärte und bettelte, plapperte und offenbarte Intimes, tippte mir die Finger wund, aber nichts half. Erst als ich drohte, das wunderschöne Punk-Archiv aus dem Internet zu nehmen und zu versenken, rührten sich einige Leute. Anscheinend wollten sie nicht auf die Unmengen Bilder aus ihren alten Zeiten verzichten, die ich ins Netz gestellt hatte. Tja, mit Gewalt geht alles.

So läpperten sich ein paar Euro zusammen, aber immer nur so lange, wie ich öffentlich auf den Knien rumrutschte, mit der Sammelbüchse durchs Internet lief und apokalpytische Untergangsszenarien an die Wand malte. Ich hasste mich.

Irgendwann versiegte der Spendenstrom, die Leute glaubten ihre Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben und waren außerdem nun mit dem Kaufen der Weihnachtsgeschenke beschäftigt. Keiner schenkte meinen Drohungen und düsteren Zukunftsprognosen noch Beachtung. Jeder sah, daß Geld im Klingelbeutel lag, also war PUNKFOTO gerettet.

Ich war mit meinem Latein am Ende. Und fand weder bei den SEX PISTOLS noch bei der Lektüre eines Stapels PERRY-RHODAN-Hefte Antworten. Eine Ausgabe hieß »Das Lügengespinst«. Mußte ich besser lügen?

Als mich Jana eines Tages anrief, dachte ich, sie sei ein nettes Mädchen.

»Unglaublich, was du mit dem Punk-Fotoarchiv anstellst!«, sagte sie. »Das macht dir keiner nach. Du hast es echt drauf.«

»Ach, komm …«, winkte ich ab. In Wahrheit fühlte ich mich wie der King. Endlich mal jemand, der meine Arbeit zu würdigen wußte! Der Tag war gerettet, jetzt fehlte nur noch eine Currywurst.

Dann fragte mich Jana, ob sie mich besuchen könnte. Das Archiv anschauen, ein Schwätzchen mit mir, und sie würde auch ’ne Spende mitbringen.

»Okay«, willigte ich ein. »Komm vorbei«.

Dabei kannte ich die Schnecke nicht mal; sie hatte meine Handynummer irgendwo abgegriffen und kurzentschlossen angerufen, um ein Schwätzchen mit der Figur zu halten, die sie bislang nur aus Geschichten kannte. Aber wenn mich unbekannte Frauen besuchen wollen, sage ich nicht Nein. Man weiß ja nie.

Ich hörte eine Weile nichts von ihr, bis es eines Tages an der Tür klingelte. Ich erwartete niemanden. Es war der Abend des 24. Dezember, und während sich die programmierte Masse unter dem Weihnachtsbaum zu versammeln begann, programmierte ich für PUNKFOTO. Wartete darauf, daß der Spuk ein Ende fand. Durchhalten!

Ich öffnete und erblickte eine recht hübsche Frau, vielleicht Ende 30. Feuerrot gefärbte lange Haare, Ledermantel, Rucksack.

»Ich bin Jana«, stellte sich die Unbekannte vor. »Bist Du Karl?«

Ich nickte bloß uns brachte keinen Ton raus. Ihre Stimme hatte mir einen Schlag versetzt. Kein Quietscheentchen, keine Schlaftablette, sondern sonor und lässig. »Darf ich reinkommen?«

Durfte sie. Ich mag das. Unangekündigte Besuche und so. Wie vor 30, 40 Jahren. Und wenn eine Frau im besten Alter vor der Tür steht und mich zu hypnotisieren beginnt, dann werde ich neugierig.

Hätte ich gewußt, was für ein Arschloch mir den Tag versauen würde, hätte ich dieses Teufelsweib niemals in meine Hütte gelassen.

FORTSETZUNG FOLGT!

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