Anzeige

»Hannover, 1. Juli 1983: Rollant aus Kiel ist Punk und will mit seinen drei Kumpels wissen, was auf den Chaostagen abgeht. Im Unabhängigen Jugendzentrum in der Kornstraße geht der Pogo ab. Als er später orientierungslos den Laden in Richtung Kornstraße verlässt, läuft er direkt ins Verderben …«

Außer an den Fensterritzen war Licht nur auf der Bühne zu sehen. Schnell wechselten die Bands. Entweder waren wir zu besoffen oder die nächste Band war auch eine Skinheadband. Vielleicht war es schon wieder Beton Combo? Es wurde erneut gemutmaßt, dass es SS Ultrabrutal sein könnte. Jedenfalls sagte die Band ihren Namen nicht an, was das Chaos hier weiter erhöhte. Die Kornstraße zehrte allmählich an unseren Kräften. Nachdem wir hier bisher noch mit vier Kielern standen, löste sich unser Grüppchen allmählich auf. Ringo ging andere Punks befragen, Hecker holte frisches Bier und Gerd stieß mit Punks und Skins an. Es wurde mitgewippt, gestaunt und getaumelt und es wurde gepogt.

Plötzlich kam er, der Filmriss. Das lag wohl auch am Sauerstoffmangel in der Korn. Ich war plötzlich su-per-breit, checkte nichts mehr, absolut nichts, wollte pinkeln und fand die Toilette nicht.

Was jetzt folgte, war eine Alptraumsequenz. Ich traf meine drei Freunde erst mehrere Stunden später am Hauptbahnhof wieder. An das, was bis dahin geschehen sollte, habe ich nur noch schemenhafte Erinnerungen. Jedenfalls ging ich gerade die Treppe hinunter, als mir klar wurde, dass in der Kornstraße eine Straßenschlacht mir bisher unbekannten Ausmaßes tobte. Das kam schockartig. So etwas hatte ich zuvor nicht einmal im Fernsehen gesehen. Es war einer der krassesten Momente in meinem noch jungen Leben. Der Aufenthalt in der Korn vermittelte mir den Eindruck, dass es draußen schon dunkel war, doch es war draußen taghell, sodass das Licht mich blendete. Ich kniff die Augen zusammen und war stark verwirrt, denn der Hauptausgang der Korn zur Straße hin lag direkt im Zentrum der Straßenschlacht. Rechts vom Eingang befand sich das riesige Polizeiaufgebot, links waren die Punks am Drücker. Ich lief zunächst orientierungslos ein paar Meter nach rechts, bis ich bemerkte, dass von links Gegenstände in Richtung Schergen geworfen wurden. Es schepperte, es krachte, es wurde gebölkt. Ich hielt mir schützend die Arme über den Kopf wie bei einem Spießrutenlauf oder bei einem Steinschlag im Gebirge. Weiter rechts schlugen die Flaschen auf, wahrscheinlich auch Steine. Es klirrte. Erst jetzt erkannte ich die Polizeikohorte, die mit Helmen, Schilden und Knüppeln bewaffnet rückwärts ging.

Ich dachte: »No way!«

Mir wurde klar, dass ich, aus der Korn kommend, unweigerlich zwischen die Fronten geraten war und lief in halb gebückter Haltung zurück. In meiner halbzerfetzten Lederjacke hielt ich mir immer noch die Hände schützend wie ein Gottesfürchtiger über den Kopf. Endlich erreichte ich die Seite der Punks. Bei den Wurfbewegungen assoziierte ich zunächst die Bundesjugendwettspiele. Ich war immer noch angsterfüllt, immer noch sah ich Gegenstände über meinen Kopf hinwegsausen. Ein Alt-Punk in Leder mit langen hochgesteckten schwarzen Haaren fuhr mich bösartig an: „Du Feigling!“

In meiner Panik reagierte ich darauf nicht, lief noch ein paar Meter weiter ins Rückzugsgebiet, gab allmählich meine gebückte Haltung auf und fühlte mich wie ein gehetztes Tier. Meine Wangen brannten durch die innere Hitze. Jetzt ließ ich meine Arme wieder baumeln und ging schnellen Schrittes aufrecht in Richtung Ende der Straße, die mit Punks überfüllt war. Meine Beine fühlten sich an wie Gummi. Viele saßen auf dem Boden und wirkten desinteressiert an dem, was sich in der anderen Straßenhälfte abspielte. Die Punks waren deutlich in der Überzahl. Der Schreck, den der Alt-Punk mit den schwarzen Haaren mir versetzt hatte, steckte mir noch in den Knochen. Er kam mir bekannt vor, als wäre es der Punk namens Rotzig oder ein anderer der schon lange in Berlin verschollenen Kieler Alt-Punks. Am liebsten hätte ich jetzt selbst eine Flasche in die Hand genommen und in Richtung Schergen geschleudert. Aber ich wusste mich zu beherrschen. Außerdem war meine Blase prallvoll mit Urin, und ich hatte Angst, dass sich ein Angstködel lösen könnte. In der gesamten Kornstraße herrschten jetzt chaotische Zustände. Die Punks und die wenigen Skins hier bildeten keine Grüppchen, sie wirkten eher wie Fußballer vor dem Elfmeterschießen, die sich teils stehend, teils sitzend und erschöpft, aber hoch konzentriert mit Erfrischungsgetränken für den Schlussakt aufbauten.

Ich ging ein paar Meter, war orientierungslos, orientierte mich, blieb stehen, schaute umher, sah Gesichter, sah Augen, sah Iros. Mir fiel ein, dass ich ja pinkeln wollte. Wie konnte ich das vergessen?

(Auszug aus: »Pseudo« – Ein Punkroman, von Roland Scheller, Kapitel „Meine ersten Chaostage“, S. 126/ 127. Kann als Paperback (334 Seiten) via Amazon für 11,99€ bestellt werden)

Alle Beiträge der Rubrik PUNKSPLITTER stammen von Zeitzeugen. Willst Du mithelfen, UNSERER GESCHICHTE aufzuschreiben? Dann lies den verlinkten Text!

Dieser Beitrag wurde möglich gemacht durch ... DICH? Wenn Du ein anbetungswürdiger PUNK-GOTT werden willst, solltest Du Dir DAS HIER mal anschauen!

Kommentar verfassen